Das Akkordeon

1. Das Chromatische
    Akkordeon und der
    Standard-Bass

Das Akkordeon ist ein Harmonikainstrument. Die Tonerzeugung erfolgt wie bei der Mundharmonika, dem Harmonium, oder der Melodika über metallische Stimmzungen, die durch einen Luftstrom angeregt werden.
Beim Akkordeon geht es daher zunächst um Luft und weniger um Fragen, ob sich nun Knöpfe oder Tasten auf der rechten Seite befinden, oder wieviel Register man zuschalten kann. 

 

Stellen Sie sich vor, man würde die linke Seite einer Klaviertastatur so umbauen, dass der Anschlag einer einzigen Taste einen vollen Akkord erklingen ließe. Damit hätte man das Standardbass-System des Akkordeons - den Stradella-Bass - auf das Klavier übertragen. Bei modernen Keyboards ist dieses Prinzip als „Smart Chord“-Funktion bekannt.


Die vertikale Anordnung unmittelbar benachbarter Bassköpfe (= Akkorde) erfolgt in Quintabständen (F, C, G, D...).
Hierdurch liegenTonika, Dominante & Subdominante in kürzester Griffentfernung und erlauben eine verblüffend einfache Begleitung von Melodien. Der Name „Stradella“ ist nicht selbsterklärend. Er geht auf einen  Ort in der Lombardei zurück - ein historisches Zentrum des Akkordeonbaus.

 

Segen und Fluch der Bassmechanik

Neben vordefinierten Akkorden - dur, moll, septim und vermindert -  gibt es auch Einzeltöne für den Grundbass auf einer Grund- und Terzbassreihe. DerTonumfang beträgt hier lediglich eine Septime.

Durch spezielle Griffkombinationen lassen sich im Bass auch die komplexen Harmonien des Jazz realisieren. Mit den wenigen Einzeltönen gelingt durch geschickte Registrierung und Ausnutzung der Hörakustik ein eingeschränktes Melodiespiel.

Grundsätzlich ist die Tonkopplung beim Standardbass-Akkordeon Segen und Fluch zugleich, weil die anfänglich willkommene Vereinfachung mit steigenden musikalischen Ansprüchen u.U. als Einschränkung empfunden wird.

 

Zwischen Anerkennung und Vorurteil

Wie ein Pianist kann auch der Akkordeonist Melodien rhythmisch und harmonisch begleiten. Doch während das Klavier in fast allen Musikgenres zu Hause und hochangesehen ist, besteht beim Akkordeon immer noch einen gewisser Erklärungsbedarf gegenüber Musiksachverständigen - das sind alle mögliche Menschen.

Es scheint oft in der Nische marschmusikartiger Volksmusik festzustecken und Musikschulen und Hochschulen gelang es nur bedingt, dem Akkordeon hierzulande die Reputation zu verschaffen, die es in anderen Ländern längst genießt.
Kaum ein Instrument ist so verbreitet und hat gleichzeitig mit so viel Voreingenommenheit zu kämpfen, wie das gleichtönige chromatische Akkordeon mit gekoppelten Bässen.

 

Ein Platz in der Welt

Man könnte es bei der Feststellung belassen: Das Akkordeon ist ein vergleichsweise junges Instrument. Jedes Instrument muss seinen Platz in der Musik erst über die Zeit finden – oder eben nicht. Wohl die meisten jemals erfundenen Instrumente konnten sich auf Dauer nicht behaupten, was innerhalb des menschlichen Kulturschaffens bedauerlich sein mag.

Doch wiegt dieser Verlust vergleichsweise gering, denkt man dagegen an das Aussterben einer Vogelart. Hier erlischt nicht nur der Gesang, sondern eine ganze Existenzweise und deren einzigartige Wechselwirkung mit der Welt.

 

2. Das Melodiebass-
    Akkordeon und der
    Konverter

Es ist nicht so, dass die Folkmusik händeringend auf das Konverter-Akkordeon wartet … 

Als Melodiebass (auch MIII, Manual-III-Bass oder Baritonbass) bezeichnet man ein Knopfsystem auf der linken Seite des Akkordeons, das - im Gegensatz zum weit verbreiteten Stradella-Bass - ein tonhöhenrichtiges Melodiespiel über mehrere Oktaven erlaubt. Während der Standardbass uns auf vorgefertigte Akkorde festlegt, bietet der Melodiebass völlige Freiheit bei der Wahl der Intervalle und Tonfolgen.
 

Warum der Standard-Bass an seine Grenzen stößt

Das herkömmliche Stradella-System ist oft zu „unsensibel“ für Musik, die nicht allein auf Dur- und Moll-Akkorden basiert. Auch möchte nicht jede Melodie durchgehend rhythmisch durch volle Bassakkorde zerhackt werden.

Hinzu kommt eine Veränderung unserer Hörgewohnheiten: Durch die populäre Musik sind wir auf durchgehende Rhythmen  (Schlagzeug, E-Bass) programmiert. Einer Musik ohne diese „Vorstrukturierung“ zuzuhören, empfinden viele Menschen sogar als anstrengend. An Musikhochschulen und bei Konzert-Akkordeonisten mag der Melodiebass verbreitet sein, im Hobbybereich, der tausendmal mehr Spieler umfasst, führt er leider ein Schattendasein.

 

Der Konverter: Polyphonie ohne Kompromisse

Das Akkordeon  erhielt von seinem Erfinder Cyrill Demian (Österreich) 1829 seinen Namen - an jedem  06.05.(1829) ist World Accordion Day -, weil man mit einem Tastendruck vollständige Akkorde erzeugen konnte. Das gleichzeitige Spiel zweier unabhängiger Stimmen, wie auf dem Klavier, dem Harmonium, der Orgel, oder der Konzertina ist wesentlich komplexer.

Hundert Jahre nach Patentierung des Akkordeons erfand Piotr Serligov (Russland) den Konverter, der 1959 von Vittorio Mancini (Italien) weiterentwickelt wurde.

Das Besondere am Konverter: Per Knopfdruck lässt sich die linke Instrumentenseite vom gekoppelten Akkord auf Einzelton umschalten. Wenn heute  manch akademische Musikschule Anfängern reine Melodiebass-Akkordeons empfiehlt (Klavierstandard für Akkordeon), schießt sie über das eigentlich gute Ziel hinaus. Beide Bass-Systeme machen Spaß!
Geht dies auf den Deutsche Akkordeonlehrer-Verband der heute das Standardbass-Instrument der Amateurmusik und das Einzeltonmanual Profis zuordnet, zurück?
 

Eine Frage der Kultur

Kaum ein Prozent der Akkordeonisten spielen Melodiebass. Dass handgemachte, identitätsstiftende Folkmusik in der Breite der Gesellschaft oft auf „ertaubte Ohren“ stößt, hat neben der medialen Konditionierung unserer Hörgewohnheiten viele Ursachen. 

Gründe, weshalb sich speziell das Akkordeon in Deutschland nicht seinen Möglichkeiten entsprechend - man vergleiche, welche Professionalisierung in der Breite die Gitarre in den letzten 50 Jahren durchlaufen hat - entwickelt hat:

 

  • Tradition: Eine in Deutschland kaum gepflegte (europäische) Folkkultur
  • Veraltetes Material: Schulungs- und Notenmaterial, das wenig anspruchsvoll und - jedenfalls für Erwachsene - nicht zeitgemäß ist
  • Verirrungen: Neben hervorragenden Akkordeonisten und Lehrern finden sich im Internet überwiegend Klischee-Zementierer
  • Pädagogik: Musik- und Instrumentalunterricht, der die Bandbreite des Akkordeons nicht aufzeigt
  • Elende Stereotype: Kleines Instrument/Anfänger – großes Instrument mit vielen Registern/Profi, verkennt, was an Musik drinsteckt
  • Instrumentenbau: woran soll er sich - s.o. - orientieren?

 

3. Das diatonische
    Akkordeon in der
    Folkmusik

In der traditionellen Folkmusik spielt oft nicht das chromatische Akkordeon die Hauptrolle, sondern sein kleiner, leichter und optisch reizvoller Bruder: das wechseltönige (diatonische) Knopfakkordeon, wozu auch die Steirische Harmonika mit extralautem Grundbass gehört.
Dafür gibt es handfeste musikalische Gründe.
 

Die Dynamik des Balgwechsels

Wechseltönigkeit bedeutet Doppelbelegung der Knöpfe. So erklingt auf denselben Knöpfen beim Schließen des Balgs z.B. dieTonika bzw.  der Durdreiklang und beim Öffnen die Dominante bzw. der Dominant-Septakkord. Der Balgwechsel führt zur richtigen Betonung; dazu etwas Rhytmusgefühl und die Polkabegleitung ist perfekt; 

Was im klassischen Musikschulunterricht oder im Orchester oft als „unruhig“ verpönt ist, verleiht der Folkmusik ihre eigentliche Lebendigkeit. Die Zäsuren -auch mitten im Takt - wirken der Geichförmigkeit entgegen. Wenn die Balgführung nicht bewusst gestaltet wird, tragen die natürlichen Lautstärkeunterschiede zwischen Zug und Druck zusätzlich zu einer organischen Phrasierung bei.
 

Einfachheit als Konzept

Dass ein- oder zweireihige Instrumente meist nur in wenigen Tonarten spielbar sind, ist im Folk kein Nachteil. Hier stehen der Spaß und die Unmittelbarkeit im Vordergrund. Man möchte etwa schnell Tanzmusik erlernen und mit anderen Musikern gemeinsam spielen können.

 

Renommierte Hersteller bieten zahlreiche, unterschiedlich gestimmte diatonische Modelle an.  Für Spieler, die europäisch-übergreifend musizieren wollen, stellt sich angesichts der Vielzahl verschieden gestimmter Instrumente aber die Frage, wieviel Akkordeons sie zu Hause einlagern können.
 

Das Schwyzerörgeli war schon immer diatonisch mit gleichtönigem Bass. Hersteller wie Serafini & Castagnari bieten solche Instrumente mittlerweile im Look einer Diatonischen an, was nichts anderes ist, als eine schrittweise Entwicklung zum vollchromatischen Instrument.
 

Das Bandoneon

Mit der Anzahl der Knopfreihen steigen die chromatischen Möglichkeiten und damit die Variabilität der Harmonisierung. Doch selbst wenn ein diatonisches Instrument durch technische Erweiterung oder Reihung der Tonarten - z.B. H/C oder Cis/D - auch chromatisch sein kann, bleibt der entscheidende Unterschied bestehen: die Spielweise. 
Der ständige Wechsel von Zug und Druck sorgt für eine Betonung, die auf einem gleichtönigen Akkordeon kaum zu imitieren ist.

Dies gilt ebenso für das Bandoneon: Mag es auch technisch weniger Möglichkeiten bieten als ein modernes Akkordeon, so ist es im Ausdruck wesentlich vielseitiger. Kritiker mögen einwenden, dass Ausdruck allein eine Frage der Spielweise sei - und das stimmt. Doch der „perfekte“ Standard-Bass, verbunden mit der Geichtönigkeit, verführt  zu einer wenig phrasierten Spielweise. 

Der Balg teilt die Akkordeonistin nicht in zwei Hälften. Links Struktur - rechts Melodie. Er kann auch als Tennisnetz, über das man sich die Musik zuspielt, betrachtet werden.

 

4. Unterhaltungsmusik
     und Ernste Musik

Auch wenn die Unterscheidung zwischen E- und U-Musik umstritten ist, lohnt der Blick auf das chromatische Akkordeon vor diesem Hintergrund.

Musik beruht auf Traditionen. Die Wurzeln der Unterhaltungsmusik liegen oft im tanzbaren, traditionellen Folk. In Deutschland wurde diese Verbindung zur europäisch-traditionellen Musik im letzten Jahrhundert jedoch vielfach gekappt. Dadurch versiegte eine bedeutende Quelle künstlerischer Inspiration. Lediglich ein paar „unbeugsame Bergvölker“ haben sich diesem Trend erfolgreich widersetzt und ihre Musiktradition verteidigt. Und zwar so wirkungsvoll, dass das Akkordeon vielfach als das Charakterinstrument für die dort gepflegte Stimmungsmusik wahrgenommen wird.

 

Auch in Schulen und Musikhochschulen macht man um die lebendige Tanz- und Folkmusik Europas einen großen Bogen. So sind wir uns der Verwurzelung in einem gemeinsamen europäischen (Musik)Kulturraum kaum bewusst. Im Diagnostizieren von Unterschieden übersehen wir oft den vertrauten Gleichklang. Zum Beispiel firmiert dasselbe Stück, das in Deutschland als „Galopede“ bekannt ist, in Großbritannien als „Yarmouth Reel“ und in der Wallonie als „Suite d’anglaises“ (The traditional tune archive TTA).

Eine Hauptwurzel der ernsten Musik liegt im höfischen Bereich, obwohl es auch gerade in der barocken Tanzmusik durchaus Schnittmengen zur „derberen“ Musik der Erntefeste und Kneipen gab. Ein Menuett oder ein Passepied ist im Kern auch „nur“ ein Walzer, auch wenn  Betonung und Tanzschritte variieren mögen. So geht etwa der Passepied barocker Suiten auf einen bretonischen Schiffertanz zurück - ein Beleg für die Durchlässigkeit der musikalischen Gattungen.

 

Das polyphone Akkordeon existierte damals freilich noch nicht; Cembalo und Spinett haben vier Jahrhunderte Vorsprung. Damit ist der Zug der Barockzeit für das Akkordeon längst abgefahren. Doch hätte Johann Sebastian Bach das Instrument gekannt, gäbe es zweifellos Kompositionen dafür. Von Ihm und seinen Zeitgenossen.

 

Heute wird diese Musik gewissermaßen „im Nachgang“ für das chromatische Melodiebass-Akkordeon adaptiert. In Deutschland eher verhalten doch in anderen Ländern seit langem konsequent und sehr erfolgreich. Wenn man heute in einer deutschen Fußgängerunterführung „Toccata und Fuge“ hört, stammt der Musiker meist aus unseren östlichen Nachbarländern.


Ob die Fußgängerzone als Konzertsaalersatz dem Ruf des Akkordeons zuträglich ist, bleibt als Frage, wie ein Akkordeon in der Öffentlichkeit wahrgenommen wird, noch zu beantworten. Grundsätzlich ist aber nichts gegen anspruchsvolle Orgelmusik im geschäftigen Alltag einzuwenden.

 

Entwicklungen des Akkordeon in der Folkmusik

 

Wohin führt die heutige Gemengelage von Akkordeondidaktik und die in Deutschland verbreitete Akkordeonperzeption, die bis in den Instrumentenbau - was wird gebaut? - hineinspielt?

An Musikhochschulen zerbricht man sich den Kopf über die Zukunft des Akkordeons in der Klassik und im Pop. Sollte dabei die lebendige europäische Folktradition nicht umfassend einbezogen werden, bewegt sich das populäre Akkordeon in eine Sackgasse.

Vielleicht ist Folk aber auch gar nichts für Konservatorien (von lat. conservare = bewahren). Denn diese Musik lebt, verändert und entwickelt sich ständig.  Vor allem die im Gefolge der Bal Folk-Renaissance entstandene, geradezu überbordende stilistische Vielfalt, kommt dort jedenfalls nicht an.

„Folkemusikken har tradition for at forny sig.“
(Folkmusik hat eine Tradition der Innovation; Poul Bjerager)

 

 

Die Hohner AG Trossingen war einmal die größte Musikfabrik der Welt und im Ländle  tummeln sich 60% der deutschen Harmonikavereine, wie der Landesmusikrat Baden-Württemberg e.V. mitteilt. „Die Volksmusk ist aber nicht mehr da, wo sie einmal war - und da war sie auch noch nie“ (Thorkild Knudsen; Iørn Piø)

 

 © Copyright.  Alle Rechte vorbehalten.

Information icon

Wir benötigen Ihre Zustimmung zum Laden der Übersetzungen

Wir nutzen einen Drittanbieter-Service, um den Inhalt der Website zu übersetzen, der möglicherweise Daten über Ihre Aktivitäten sammelt. Bitte überprüfen Sie die Details in der Datenschutzerklärung und akzeptieren Sie den Dienst, um die Übersetzungen zu sehen.