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Die vermaledeite Terz
Einfache traditionelle Melodien vertragen es nicht, „durchkomponiert“ zu werden. Im Irish oder Scottish Folk wird meist nur die Melodielinie notiert - oft ohne Begleitakkorde. Bei The Session findet man die Musik, die man braucht.
Wenn Verlagsautoren diese Stücke mit Standard-Harmonien (Am, F, C7 etc.) versehen, erweisen sie nicht nur der Musik einen Bärendienst, sondern das überladene & unpassende Klangergebnis wird dem Instrument in die Schuhe geschoben.
Das Problem wurde zuvor beschrieben: Beim Standardbass erzwingen die Akkordreihen Dur, Moll, Dominantsept, Vermindert stets die große oder kleine Terz (Dur oder Moll).
Doch der unbestimmte, archaische Charakter vieler traditioneller Stücke lebt vom Quint-Intervall, was Gitarristen in Kombination mit der Oktave als Powerchord schätzen. Reine Quinten sind mit Standardbass nur in der Grund- und Terzbassreihe spielbar. Durch den sogenannten „Oktavknick“ klingen Intervallfolgen innerhalb des beschränkten Tonmaterials jedoch wenig attraktiv. Völlig unabhängig, ob mit 48 oder 120 Bässen.
Motivation für Melodiebass?
Tastenstreich geht davon aus, dass die Motivation beim Erlernen eines Instruments steigt, wenn man Stücke die man gut findet, nachspielt. An frisch komponierte - d.h. unbekannte Musik - muss man sich erst gewöhnen.
Spielanleitungen der 60iger und 70er Jahre (H. Wernecke & R. Würthner 1964: Spiel auf dem Melodiebass-Manual. T. Lundquist 1968: Allerlei. G. Wagner 1978: Spielereien. H. Reichard 1974: Melodiebass-Spielanleitung für Akkordeon) zählen als relevante Literatur für Melodiebass-Akkordeon. Mit einem beherzten Schritt ins 21. Jahrhundert wären viele interessierte erwachsene MII-Spieler zu gewinnen.
Mit Gewinn kann man das Polyphone Spielbuch (Musikverlag Josef Preissler) I - IV durcharbeiten. Voraussetzung ist, man nimmt den Hinweis, dass es bei den Bänden I – III um die Entwicklung des Standard-Basses (Stradella-Bass) geht, nicht allzu ernst.


Stücke als geeignet für die Bassmanuale MII & MIII einzuführen, hat nur bei sehr eng gefasstem Bass seine Berechtigung. Weder will man sich mit einem Melodiebass-Instrument auf eine Oktave beschränken, noch hinsichtlich des Fingersatzes mit MII (MIII ad lib.) abspeisen lassen.
Vor allem Band IV enthält anspruchsvolle Transkriptionen für den Melodiebass. Auch die Melodiebass-Schule „Comprehensive method for the chromatic free bass system (C-System)“ hat der dänische Akkordeonist M. Ellegaard 1964 verfasst. Mit diesen Grundlagen und in Ermanglung attraktiver Lehrwerke für etwas fortgeschrittenere Akkordeonistinnen finden MIII-Interessierte in dem Notenbüchlein für Anna Magdalena Bach oder den "18 Pezzi facili" (J. S. Bach), die L. O. Anzaghi (1946) zusammengestellt hat, attraktives Notenmaterial.
Tipps für Anfänger mit Standardbass-Erfahrung
Von Beginn meines Melodiebass-Spiels an (bis heute) machte ich gute Lern-Fortschritte durch das Spiel von Chorälen (Youtube-Playlist). Nicht jeder mag wieder bei dem kleinen Hänschen und Yankee Doodle anfangen.
Ein guter Kompromiss aus für MIII aufbereiteter klassischer Literatur und eigenen Kompositionen sind die Freetime-Lernstücke von H.-G. Kölz aus dem Amusiko Verlag, die eingespielt von Matthias Matzke, eine unverständlich lang bestehende Lücke füllen.
Hier geht es um Folk
Hält man - wie Tastenstreich - das Melodiebass-Akkordeon für eine Bereicherung traditioneller Folkmusik, kommt man an der Frage der Notation nicht vorbei. Die korrekte Schreibweise ist die Akkolade (wie beim Klavier), die aber das simultane Lesen von Violin (G)- und Bassschlüssel (F) verlangt. Auf einer Klaviertastatur bildet das Standard-Notensystem ein rein optisch gut merkbares Kontinuum. Für das Melodiebass-Akkordeon gilt dies nicht, weil der Balg dazwischen liegt.
Da dies für viele eine Hürde darstellt, versucht Tastenstreich mit der Darstellung von Griffmustern den Einstieg zu erleichtern. Langfristig führt an der Akkoladen-Notation jedoch kein Weg vorbei, wenn man das Potenzial des Melodiebass-Akkordeons ausschöpfen will. Autoren, die dem Akkordeonklang feinsinnig nachspüren, wie G. Espitalier (Folklorefibel), Hugo Noth (Polnische Renaissancemusik) und R.C. Barslund, der mit seinem Buch „Celtic Music for Free-Bass Accordion“ Maßstäbe gesetzt hat, verwenden sie.
Geht es in der Bildenden Kunst um das Sehen, so geht es bei Musik um das Hören. Hat man eine Vorstellung, was einem gefällt und warum, kann es losgehen. Eine Didaktik, die vorgibt, man lernt spielen (10 000 Stunden bis zur Meisterschaft) und irgendwann wird Musik daraus, ist fragwürdig.
Fünf Töne im Diskant und drei auf dem (Melodie)Bass und ein erforschendes Spielen/Zuhören, lässt jedes nachgespielte Kinderliedchen blass aussehen.
Tastenstreich schreibt für die linke Hand bewusst sparsam. So kann man selbst entscheiden, wie die Begleitstimme zu gestalten ist. Etwa ob ein Akkord als Arpeggio aufgelöst oder durch ein anderes Intervall ersetzt wird. Vielleicht mag man ja ohnehin einen cooleren Rhythmus spielen. Im Folk gilt, dass basteln und variieren nicht nur erlaubt, sondern erwünscht ist.
Da man zwei unabhängige Stimmen spielen kann, sei ein jeder dazu ermuntert, polyphon zu improvisieren und eigene Griffmuster zu entdecken. Improvised Meditations von Chauncey Canfield zeigen den Weg. Hier offenbart sich die "tief meditative und ausdrucksstarke Qualität des Akkordeons". Ausgangspunkt neuer Klangvorstellungen und Spielweisen.
Auch Tastenstreich versteht sich als Impulsgeber jenseits
'bewährter' Spielkonzepte und nicht vorrangig als kommerzieller Anbieter.


Das kleine Melodiebass-Akkordeon
Die folgenden Musikbeispiele wurden mit einem Konverter mit 72 Bässen (MIII: 35 Töne; C-System; 6 kg) eingespielt. Dieser vermittelt im Vergleich zu doppelt so schweren Akkordeon-Schlachtschiffen ein anderes Spielgefühl. In Einzelfällen wurde der tiefen Register wegen auch ein Pigini Konverter 34/P3 (MIII: 37 Töne; C-System) gespielt.
Es sind erste tastende Schritte um zunächst die solistischen Möglichkeiten und Grenzen in verschiedenen Folk-Genres auszuloten. Gemeinhin werden solche Akkordeons als Kinder-Instrumente angesehen, dabei wird nicht einmal ansatzweise aufgezeigt, was in ihnen alles steckt.
Sandy Brechin zeigt auf der Hohner Student wie das geht.
Kleine Instrumente reichen im Diskant über zwei Oktaven. Die linke Grafik zeigt den Notenbereich, wo das musikalische Geschehen des Melodiebass-Akkordeons (Piano-Akkordeon; C-System) hauptsächlich stattfindet.
Kommerziell scheinen solche Akkordeons wenig interessant zu sein. Musikalien-Großhändler führen sie gar nicht. Neben dem von Tastenstreich gespielten Siwa-Prototypen gibt es im Fachhandel beispielsweise noch das Scandalli P111, das Fisitalia Unica-P , die Peter Pan von Pigini und seit 2026 die Hohner Varia One.
Zum Schluss
Was Melodiebass scheinbar schwer macht, ist nicht so sehr der Bass, sondern die meist anspruchsvolle Musik, die damit
gespielt wird.
Die verbreitete Herangehensweise besteht meist darin, bekannt-anerkannte Stücke für das Melodiebass-Akkordeon zu adaptieren, was sowohl musikalische als auch technische Schwierigkeiten beim Akkordeon aufwirft. Letztere etwa durch den kaum möglichen Einsatz des linken Daumens. Partituren für Klavier oder Cembalo und schon gar die für Orgel (Pedal) sind daher immer irgendwie anzupassen. Auch ist offensichtlich, dass sich, u.a. wegen des Nachklangs von Klaviersaiten, bestimmte Musik für das Akkordeon weniger eignet.
Der umgekehrte Weg wäre, dem Melodiebass (Griffmuster) zunächst gut spielbare Stücke zu schreiben, die nicht zwangsläufig wie Übungsstücke klingen müssten. Vor allem sollten sie den Klangeigenschaften des Akkordeons Rechnung tragen. Ein solcher, nicht an Klavierliteratur orientierter Ansatz mit der dazu passenden Didaktik, wird aber leider nicht entwickelt.
Die in Deutschland und dem englischsprachigen Ausland käuflichen M III-Schulen liefern jedenfalls bislang keinen Anhaltspunkt und sofern aufschlussreiche Skripte von Lehrerinnen an Musikhochschulen bzw. Musikschulen entwickelt wurden, sind diese nicht aufzutreiben. Als Einschränkung tritt hinzu, dass die zweifellos vorhandene 'i.w.S. östliche' originalsprachliche Akkordeonliteratur hier (auch Tastenstreich) unbekannt ist.
Dass Melodiebass-Virtuosen dies längst erarbeitet haben ist klar. Die Frage, wann auch für ambitioniert-anspruchsvolle Hobbymusiker ein zeitgemäßer und didaktisch erfreulicher Zugang zum Melodiebass entwickelt wird, noch offen.
Grundrezept für Akkordeon-Folkmusik
- sich im Folk zuhause fühlen
- hinhören
- mit dem Akkordeon interessante Eigenschaften
anderer Musikinstrumente aufgreifen
(La filha a marider/Drehleier; The Coolin/Dudelsack; Take Five/hier: Fagott)
Experimentieren mit
- unabhängigen Begleitmelodien
- ungewöhnlichen Harmonien/Rhytmen
- Borduntönen (drones)
Und wie geht man am besten vor?
- hören, ob einem die Musik überhaupt gefällt
- mit den Griffmustern der Bass-Seite vertraut werden
- die Begleitung bzw. das ganze Stück selbst gestalten
Molldur I - V (geplant X) sind Miniaturen.
Sie eignen sich nicht nur als technische Übungenen, vielmehr sollen sie anregen, sich musikalisch selbständig mit dem Akkordeon auseinanderzusetzen. Warum nicht, wie oben bereits angeregt,
polyphon improvisieren?
Klicke blau unterstrichene Titel (= Notendownload); Nummerierte Türen (= Einspielung auf Youtube)
Ein Walzer, komponiert von Chris Wood.
Nur hier werden detailiert Griffmuster für Melodiebass in Form von Grafiken gezeigt
Neotraditioneller Folk. Ein Stück für Melodie- und Standardbass. Hier ist die Melodiebass-Version verlinkt. Die zweite Version findet sich in derselben youtube playlist
Neotraditioneller Folk. Die Begleitung erfolgt nur mit Zeige-, Mittel-, und Ringfinger (2-3-4)
Die erste Miniatur mit ausführlich bezeichnetem Melodiebass-Fingersatz. Hier geht es um parallel geführte Stimmen. Die Bassmelodie liegt inmitten des Oktav-Griffs
Bei diesem Stück geht es um sich chromatisch verändernde Intervalle wie Sekunde, Terz, Quarte, Quinte. Die Melodiebass-Stimme ist auch hier ausführlich bezeichnet
Die starken Verschiebungen der Tonhöhe im Bass machen sichere Oktavsprünge nötig. Diese erfolgen nach der Orientierung an liegenden Fingern bzw. markierten Knöpfen
Ein etwas schnelleres Stück, das nur drei ineinander fließende Griffmuster erfordert. Charakteristisch ein Tonartenwechsel und
- ungewöhnlich - der Einbezug der Terzbassreihe
Getragen und von etwas verlorenem Charakter. Die Stimme liegt ausschließlich im Bass. Nach dem ersten Entwurf war klar, der Anfang ist eine Reminiszenz an Star Trek
Standardbass und Melodiebass kombiniert in einem sehr langsa-men Stück von unbestimmtem Klang. Der Rhytmuswechsel von 4er auf 3er-Takt ist vage. Eher ein Kontinuum.
Melodie + Ostinato + stark rhytmische Phrasierung und das Akkordeon wird zur Drehleier











